Thuner Seespiele

Gotthelf

Markus Schönholzer/Charles Lewinsky

Musical
Welt-Uraufführung

Premiere: 12.07.2011
Inszenierung: Stefan Huber
Musikalische Leitung: Iwan Wassilewski
Choreographie: Simon Eichenberger
Bühnenbild: Harald Thor
Kostüme: Susanne Hubrich
Lichtdesign: Pia Virolainen
Sounddesign: Thomas Strebel
Video:

Darsteller
Stückinfo
Eine Geschichte aus der Heimat "Die Käserei in der Vehfreude", die als Grundlage für das Musical dient, ist vorallem eine Liebesgeschichte, nach dem uralten Märchenschema von "Aschenbrödel". Welche Hindernisse muss Änneli, das ehemalige Verdingkind, überwinden, bis es schliesslich mit Ammanns Felix, dem umschwärmtesten Junggesellen des Dorfes, glücklich werden kann. (Denn selbstverständlich müssen solche Geschichten nicht nur im Musical ein Happy End haben.) Aber die Geschichte der neumodischen Käserei, die in einem Bauerndorf für Durcheinander und Aufregung sorgt, ist auch ein Lehrstück über die Art und Weise, wie in der Schweiz damals wie heute Politik gemacht wird, wie die grossen Worte und die kleinen Egoismen nie ganz zusammenpassen wollen. Und nicht zuletzt beinhaltet die Geschichte, wie so oft bei Gotthelf, auch eine ganze Menge Komik. Denn Jeremias Gotthelf hatte die Regel sehr gut verstanden, die heute noch genau so gilt (und das nicht nur bei Musicals): Wer die Menschen nicht zum Lächeln bringt, kann auch ihre Herzen nicht berühren. (Text: Thuner Seespiele)
Szenenfotos
Presse

Brigitta Niederhauser, Tages-Anzeiger/Der Bund

GOTTHELF! HALLELUJA! Ein kleines Welttheater ist Charles Lewinskys "Gotthelf - das Musical". Regisseur Stefan Huber sorgt dafür, dass der Emmentaler Pfarrer und seine Schäfchen zu neuen Fixsternen am Musical-Himmel werden. ...An die Figürchen einer Spieldose erinnert das Emmentaler Völklein, das Regisseur Stefan Huber antreten lässt auf der schlichten schrägen Holzbühne (Harald Thor), die weit in den See hinausragt. Die Frauen und Männer mit den schwarzen Hüten, den schweren Schuhen, den halbleinenen Kitteln und den weiten Röcken drehen auf, als wären sie aus einer verstaubten Gotthelf-Vitrine abgehauen, befreit für eine lange Nacht. Und einmal aufgezogen, sind sie kaum mehr zu stoppen. Doch plötzlich werden sie wieder versorgt, wenn Pfarrer Albert Bitzius ihnen wieder einmal die Leviten gelesen hat. Dann verschwinden sie durch Falltüren, tauchen wieder auf in überdimensionierten Schubladen, die wie von unsichtbarer Hand hervorgezogen werden, und drehen von neuem auf. Und zanken sie sich, fliegen die Späne, knallen die Körper ungebremst auf die Bretter. ...Eine Bauernoper hat Huber in Aussicht gestellt ..., ein Versprechen, das er zusammen mit Charles Lewinsky und dem Komponisten Markus Schönholzer überzeugend einlöst: Zu einem einzigen Spannungsbogen legiert sind Text, Musik und Tänze. Huber, ein alter Musical-Fuchs, hantiert äusserst geschickt mit dem Musical- Knopf, dreht ihn nur für ein paar gespenstische Szenen ganz auf: wenn das böse Eisi mit einem Hexengeschwader tanzt und von einer Satans-Gang eingefangen wird oder sich die braven Waschweiber in eine Ku-Klux-Klan-Bande verwandeln und Änneli als Hure verdammen. Angenehm eingängig und vertraut klingt Schönholzers Musik. So wie in Gotthelfs Geschichte die grossen Dramen der Weltliteratur mitschwingen, schwappen Soundfetzen aus den grossen Broadwaymusicals über den Thunersee, raffiniert kombiniert mit Operettenseligem und Echos aus Nino Rotas Filmmusiken...Und dort, wo sich Huber ein paar musicaltypische exaltierte Showeinlagen leistet, unterläuft er sie mit greller Überzeichnung, schafft damit jene selbstironische Distanz, die es möglich macht, dass ein gestrenger Emmentaler Pfarrer und seine Schäflein zu neuen Fixsternen am Musical-Himmel werden.

David Wohnlich, Basler Zeitung

...Charles Lewinsky schrieb die Musical-Nummern entlang von Gotthelfs Roman «Die Käserei in der Vehfreude», Markus Schönholzer komponierte dazu eingängige und abwechslungsreiche Musik. Wie es in einem Musical sein muss, stehen mitreissende Tanznummern neben herzerweichenden Liebesballaden, Chorszenen neben Songs, die die einzelnen Figuren zeichnen. ...Wunderbar ist, dass man sich auf der Seebühne Thun nicht zur hemmungslosen Liebedienerei an der Form hinreissen liess. So dient nun ein raffiniertkonstruierter Bühnenboden zugleichals Bühnenbild, indem einzelne Bauelemente sich schwenken lassenund Kirche, Käserei, Stube oder was immer darstellen können, andererseits aber auch symbolische Räume wenn das Herz hochfliegt, dann schwebt auch die Person in die Höhe. Die ganze Inszenierung (Stefan Huber) spielt nur mit dieser Bühne und verzichtet auf Lightshows, Konfettiregen und dergleichen. Die Qualität liegt im Humor und in der Präzision der Choreografien (Simon Eichenberger) und der Musik: Chor und Orchester musizierten trotz der technisch breiten Anlage präzise, unterstützt von einer nicht zu lauten, dafür aber umso transparenter klingenden Tonanlage. Die Protagonisten wurden für ihre sängerische und darstellerische Präsenz mit viel Applaus bedacht.

Herbert Büttiker, Landbote

...Die Bühne ist aus rohen Tannenbrettern gezimmert und die Leute in der Vehfreude gehen auf ihnen in klobigen Schuhen und im hölzernen Schritt. Ihre Bewegungen, ihre Gebärden und Gesten sind wie geschnitzt, und in ihren dunklen Kleidern heben sie sich vor dem hellen Holz ab, als ob sie der berühmte Gotthelf-Holzschneider Emil Zbinden gedruckt hätte. Vor den reichlich umwölkten Riesen des Berner Oberlandes präsentierten die Thuner Seespiele am Dienstag ihre eigene Musicalkreation. Charles Lewinsky hat das Buch und die pointierten Liedtexte geschrieben, Markus Schönholzer die einfühlsame Musik. Stefan Huber (Regie) und Simon Eichenberger (Choreografie) lassen Sensibilität und Komödiantik in perfekter Mischung walten. Wuchtig sind die deftigen Dorfszenen choreografiert, in denen - ob es zur Versammlung oder zum Tanzgeht - immer die einen das Opfer für die Lust der anderen sein müssen. Filmreif ist die tumultuöse Schlägerei inszeniert, in der das Käsefieber kulminiert. Starke, einsame Momente auf der weiten Bühne gibt es für Änneli und Felix, das Liebespaar, das nie so recht weiss, wie ihm geschieht, weil ein Verdingkind und der Sohn des Ammanns eigentlich nicht füreinander bestimmt sind. Die zarten Bande machen aus dem Hallodri einen Engel, jedenfalls in Ännelis Augen, und wie diese überirdische Erscheinung auch für uns aus dem Thunersee auftaucht und vor Eiger, Mönch und Jungfrau in die Höhe wächst, ist im Mix von Humor, Pomp und Warmherzigkeit ein grossartiger Moment. Und es ist Musical, weit entfernt von einem braven Nachspielen der Gotthelf-Erzählung oder Nachstellen der Szenen von Franz Schnyders berühmter Verfilmung. Obwohl Harald Thors nur scheinbar schlichte Bühne mit ihren raffinierten Luken und Wippen und Hebevorrichtungen für differenzierte Schauplätze sorgt, bleibt sie doch Bühne, auf der die musikalische Form zu ihrem Recht kommt, sei es im bizarren Hexenballett oder in der gefühlvollen Ballade. Schönholzers Musik findet für alles den richtigen Ton und versteht es, emotionale Schwerpunkte zu setzen. Sie bedient sich vieler Muster zwischen schwerblütigem Song und, passend zum urchigen Dialekt, volkstümlich saftigen Rhythmen, immer sprechend in der Dramaturgie und stimmungsvoll in der farbigen Orchestrierung (Roy Moore und Michael Reed). Hörnerklang, Glocken und Harfenglitzern gibt es zu Ännelis «I gloub, i han en Ängu gsee». Sabine Schädler, das Heidi vom Walensee, singt schmiegsam fein und klar von ihrem Schicksal als Verdingkind und ihren Träumen mehr als in der Vorlage istsie im Musical die Protagonistin, und wie sie ihre Figur zurückhaltend, aber beherzt ins Zentrum rückt, rührend, aber nicht rührselig, ist von grossem Zauber. Schön auch, wie sich die Harmonie einstellt mit Lukas Hobi, der den zartbesaiteten Draufgänger Felix glaubwürdig macht...Mit dem Plädoyer zur dichterischenFreiheit gegenüber der Realität outet sich Pfarrer Bitzius, der amtierend und kommentierend gewirkt hat, hier als der Schriftsteller: Andreas Blum-Holzer gibt dieser Figur Format, mit der Lewinsky dem Stück den hintersinnigen Dreh gibt. Auch sonst erlaubt sich das Musical Abweichungen von der Vorlage. An das Wildwestwagenrennen ist auf der Bühne ja auch nicht zu denken, dafür verschlägt es eine Opernsängerin aus Genf (beziehungsweise einer anderen Gotthelf-Erzählung) ins Emmental, und so bringt Stefanie Dietrich mit Koloraturen und Krinolinen skurrilste Farben ins Spiel. Aber auch im bäuerlichen Schwarz tragen viele zur Buntheit bei: Pamela Zottele als ebenso rabiate wie abergläubische Eisi, mit der ein grausliches Hexenballett auf der Bühne erscheint, Christian Knecht als ihr bedauerlicher Ehemann Peterli, Pia Lustenberger und Oliver Frischknecht als das arme, aber ehrliche BauernpaarBethi und Sepp, Patricia Hodell und Florian Schneider als die Ammanns mit ihrem Standesdünkel. Da der Dorfgewaltige es selber schlimm genug treibt, bleibt für den üblen Eglihannes (Patrick Imhof) eine weniger prominente Rolle, als ihm Gotthelf zugewiesen hat, und eine kleinere Rolle hat auch der Senn. Dagegen scheint der Schulmeister (Christian Sollberger) eigens von Wilhelm Busch hergeschickt worden zu sein, und direkt aus einem Comic kommen die drei Käsehändler. Charakteristisches und Karikaturistisches zeigt sich vielfach auch im kompakt klingenden und agierenden Chor- und Tanzensemble. Iwan Wassil ewski leitet die Aufführung temporeich, behutsam in den leisen Momenten undim grossen Bogen über die zwei Stundeneiner attraktiven, hervorragend ins Detail gearbeiteten Aufführung.

Christophe Pocheon, Bieler Tagblatt

Ein Fest für die Sinne ist «Gotthelf - das Musical» der Thunerseespiele, das am Dienstag seine Welturaufführung erlebte. Eine Freude für Auge und Ohr, und das Herz bleibt bei niemandem unbeteiligt. Autor Charles Lewinsky und sein Musikpartner Markus Schönholzer haben es verstanden, einem Werk des Dichters Jeremias Gotthelf (1797 bis 1854), dem Roman «Die Käserei in der Vehfreude», neuen Atem einzuhauchen. Der Gefahr, die Porträts, die Gotthelf Schritt für Schritt entwickelte, seine scharf gezeichneten Charaktere durch ein temporeiches Musical zu verwässern und die Personen auf oberflächliche Hektik zu reduzieren, ist Lewinsky keine Sekunde erlegen. Dass sich Gotthelf, der konsequente Prosadichter, und ein Musical mit Gesang und Tanz nicht ausschliessen müssen, dafür haben Lewinsky und Schönholzer den Beweis geliefert und in Stefan Huber einen Regisseur gefunden, der ihre Arbeit angemessen aufdie Bühne brachte. Die Skepsis, die sich da im Vorfeld gegen das Vorhaben eingeschlichen hatte, war nach Beginn vorgestern rasch verflogen. In dieser geglückten Umwandlung eines alten Stoffes bleiben die Figuren ganz in der Tradition von Lewinskys Vorläufer, in der Gut und Böse, Kraftvoll und Schwach eindeutig voneinander geschieden sind. Eine Methode, mit der Gotthelf bei seinen Zeitgenossen eine maximale Wirkung zu erzielen hoffte. Die Probleme, die Eigenschaften der Menschen, die Gotthelf, mit bürgerlichem Namen Albert Bitzius, im 19. Jahrhundert regelmässig ansprach, werden vor einem Publikum des 21. Jahrhunderts ausgebreitet (in dem keineswegs alle Negativpunkte überwunden sind). Nämlich: Aberglaube und Bigotterie, die Ausbeutung sozial Schwächster wie der Verdingkinder, bitterste Armut und Not, Günstlingswesen und Misswirtschaft. Doch es gab auch: Ehrlichkeit, Einsichtsfähigkeit, Mut, Güte, Fleiss, Gottvertrauen. Ein überragendes Team auf der Bühne trägt zum vollkommenen Gelingen der Darbietung bei: schauspielerisch ausgereifte Leistungen, starke, kräftige, nuancenreiche Stimmen allein oder zusammen, die Harmonie der Instrumente - da war an der Premiere niemand vom Ensemble, der leistungsmässig abgefallen wäre. Auch Kinder wie etwa Jonas Julliard als Bänzli meisterten ihren Part tadellos. Gesangliche Höhepunkte in der Kernbesetzung: darunter die intrigante Bäuerin Eisi (Pamela Zottele), die fürsorgliche Bethi (Pia Lustenberger) und ihre Männer: der gerechte Sepp (Oliver Frischknecht), der ungeschliffene Ammann (Florian Schneider) und der korrupte Eglihannes (Patrick Imhof). Der Pantoffelheld Peterli (Christian Knecht) und die herausgeputzte, abgehalfterte Operndiva Adeline (Stefanie Dietrich) sind Hampelmänner und Marionetten des waltenden Schicksals. In diesem Umfeld finden sich zwei Herzen: Felix, des Ammanns Sohn (Lukas Hobi) und Änneli, das Verdingkind (Sabine Schädler). Mit ihrem Gesang gewinnen sie die Herzen der Zuhörerinnen und Zuhörer. Der Hexensabbat, die Walpurgisnacht, angezettelt durch Eisi, ihre Herbeirufung der Teufel bleibt als choreografische Einlage über den Abend hinaus haften dank dem Höllentanz der dämonischen Wesen. Aber gegen die Liebe vermögen diese nichts. Hinauf und hinab All das passiert auf kargem Bretterboden. Doch das Bühnenbild hat es in sich: Balken heben und senken sich, führen Menschen auf abschüssige oder aufstrebende Bahnen. Plötzlich entstehen Dachlucken, Guckfenster - für Augen, die alles zu sehen meinen und daraus gemeine Schlüsse ziehen. Aber Pfarrer Albert Bitzius (ein achtunggebietender, stilsicher auftretender Andreas Blum-Holzer), ein Mahner und Beschwörer, wird zuletzt alles richten, wie es einem Buchautor eben erlaubt ist.

Gunnar Habitz, musicals

...Regisseur Stefan Huber legte bei seiner ersten Arbeit in Thun großen Wert auf das Beziehungsgeflecht zwischen den einzelnen Figuren und die Entwicklung der Protagonisten, vor allem von Änneli und Felix. ...Junge Darsteller und wohlbekannte Namen bildeten eine ausgeglichene Besetzung...